Das stille Gedenken im Wald von Sandarmoch

Zwischen 1934 und 1941 ermordete die sowjetische Geheimpolizei NKWD in dem  Waldstück von Sandarmoch nahe des Onegasees in Karelien mindestens 9500 Menschen. Unter den Opfer waren viele Intellektuelle aus allen Teilen der Sowjetunion, darunter der Regisseur Les Kurbas  und der ukrainische Schriftsteller Mykola Kulisch – und hunderte andere Schriftsteller und Professoren.

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Die Kirche der Deutschen von Sankt Petersburg

Die evangelische Petrikirche am Petersburger Newski Prospekt ist ein stiller Zeuge, wie groß die deutsche Gemeinde einst war. 15 000 Mitglieder zählten die überwiegend deutschen Protestanten im 19. Jahrhundert. Schon 1710, kurz nach der Gründung der Stadt durch Peter den Großen war auch die Kirchgemeinde entstanden – als geistliche Heimatstadt für die vielen Deutschen, die damals in die neue russische Hauptstadt kamen, als Fachleute oder Glücksritter.

Die Kirche ist aber auch ein stiller Zeuge der Katastrophe, die im 20. Jahrhundert  mit der kommunistischen Diktatur nicht nur über die Deutschen von Sankt Petersburg, sondern über ganz Russland hereinbrach. Ihr Vermögen verlor die wohlhabende Gemeinde schon kurz nach dem Putsch der Kommunisten in der sogenannten „Oktoberrevolution“ 1917  – die Kirche und vor allem ihr umfangreicher Grundbesitz, darunter zwei große Miethäuser am Newski-Prospekt, wurden verstaatlicht. 20 Jahre lang konnten noch Gottesdienste stattfinden – bis 1937 Stalins „Großer Terror“, dem insgesamt 700 000 überwiegend Intellektuelle und Parteifunktionäre zum Opfer fielen, auch über die Petrigemeinde hinwegbrach. Die Kirche wurde von den kommunistischen Machthabern geschlossen, die beiden letzten Pfarrer, Paul und Bruno Reichert (Vater und Sohn) verhaftet und wie zehntausende andere von Stalins Geheimpolizei NKWD erschossen und am Stadtrand in einem Massengrab verscharrt. Die meisten Gemeindemitglieder wurden, wie Millionen „Russlanddeutsche“ aus ihrer angestammten Heimat nach Sibirien oder Kasachstan verbannt, Hunderttausende kamen dabei um.

Zurückgekehrt ist fast niemand. Die meisten Russlanddeutschen verließen ihre einstigen zentralasiatischen Verbannungsorte  – als das durch Gorbatschows Perestroika und später dem Zusammenbruch der Sowjetunion möglich wurde, nicht in Richtung ihrer einstigen russischen Heimatstädte im europäischen Teil des Landes – sondern gingen lieber gleich nach Deutschland, das bessere Perspektiven versprach.  Immerhin wurde die evanglisch-lutherische Petrigemeinde von einigen wenigen deutschen Lutheranern (heute zählt die Gemeinde 130 Mitglieder) wieder gegründet und bekam 1993 auch das Gebäude der Kirche zurück – wenn auch nicht den sonstigen Kirchenbesitz.

Im Kirchenschiff erwartete sie ein merkwürdiges Relikt: Zur Sowjetzeit wurde in dem enteigneten Kirchengebäude ein Hallenbad eines Staatsbetriebs errichtet. Im Altarraum stand der Sprungturm. Die Renovierung blieb mangels großer finanzieller Mittel provisorisch – die Tribünen des Hallenbads sind noch immer im Kirchenschiff, stolz ist man auf die neue Orgel.

Im Keller unter dem Kirchenschiff ist nicht nur das alte Becken des Schwimmbads noch immer zu sehen. Sondern auch Wandzeichnungen des Künstlers Adam Schmidt (1921-2011) der selbst als jungen Mann wegen seiner deutschen Herkunft nach Sibirien deportiert worden war. Sie erzählen von dem Grauen und dem Unrecht,  das nicht nur die Deutschen von St. Petersburg, sondern auch Millionen Menschen der anderen Völker der Sowjetunion unter dem Sowjetterror erlebten.

 

Müssen wir uns Sorgen um die Demokratie in Polen machen, Herr Walesa?

Anfang 2016  interviewte ich gemeinsam mit meinem deutsch-polnischen Kollegen Andrzej Stach den polnischen Friedensnobelpreisträger Lech Walesa in seinem Büro in Danzig. Das Interview erschien in SUPERillu Heft 7/2016 erschien. (Foto: Nikola Kuzmanic, SUPERilllu). 

Seit 2015 die konservative PiS-Partei in Polen Parlaments- und Präsidentenwahl gewann, hat sich das deutsch-polnische
Verhältnis verdüstert. Es geht zum einen um weltanschauliche
Differenzen. Die (West-)EU ist Polens neuem starkem Mann, dem Chef der Regierungspartei PiS, Jaroslaw Kaczynski, 66, nicht konservativ genug. Aber es geht auch ums Geld: Nicht nur bei Polens Konservativen sind, wie in allen östlichen EU-Ländern, die EU-Finanzhilfen für Griechenland besonders umstritten. Und noch mehr die Aufnahme von Flüchtlingen, der sich Polen zulasten Deutschlands bisher weitgehend verweigert. Für Irritationen sorgte auch, wie Kaczynski versucht, Kritiker im eigenen Lande loszuwerden. Er ließ TV-Journalisten feuern, will das polnische Verfassungsgericht auf Parteilinie bringen. Angriffe auf Pressefreiheit und Gewaltenteilung, zwei Grundfesten der Demokratie, die sich die Polen 1989 in der Revolution der Solidarnosc erkämpften. Lech Walesa, 72, und Jaroslaw Kaczynski (und dessen 2010 tödlich verunglückter Zwillingsbruder Lech Kaczynski) waren einst Weggefährten in dieser Revolution, die auch den Mauerfall in Berlin beförderte. SUPERillu traf den polnischen Nationalhelden und ehemaligen Präsidenten in Danzig
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Zerbricht die EU? Oder hält Sie das aus, Herr Schwarzenberg?

Ende 2015 traf ich in Prag den langjährigen tschechischen Außenminister Karel Schwarzenberg, der damals gerade angekündigt hatte, aus Altersgründen sein Amt als Vorsitzender der Partei TOP9 abzugeben. Hier das in SUPERillu Heft 2/2016 erschienene Interview mit ihm zur EU-Krise. Foto: Nikola Kuzmanic, SUPERillu 

Als Politiker warb er dafür, dass 2004 zehn einst sozialistische Länder, darunter sein eigenes, Tschechien, schnell in die EU eintreten konnten. Fünf Jahre lang war Karel Schwarzenberg später Außenminister von Tschechien – bis 2013. Bei allen Schwierigkeiten galt er dabei stets als „EU-Optimist“, ganz anders als der heutige, als sehr EUskeptisch bekannte tschechische Präsident Miloš Zeman, 71, dem Schwarzenberg bei der Präsidentenwahl 2013 knapp unterlag. Auch in Tschechien ist die EU ein kontrovers diskutiertes Reizthema. Dazu sprachen wir mit Schwarzenberg in Prag.

Bei den Menschen in den östlichen EU Ländern wie Tschechien und Polen, aber auch im Osten Deutschlands scheint die Skepsis gegenüber der EU besonders groß…
Schwarzenberg: Ich denke, die Skepsis ist bei uns in Tschechien auch nicht größer als in einem bayerischen oder französischen Wirtshaus. Die brennende Liebe zu Europa ist überall nicht sehr ausgeprägt. Aber man muss zur EU ja auch kein erotisches Verhältnis entwickeln. Es reicht, sie als Zweckehe zu akzeptieren. Zerbricht die EU? Oder hält Sie das aus, Herr Schwarzenberg? weiterlesen

Karl von Habsburg: „Die Katastrophe von 1914 sollte Europa für immer eine Warnung sein“

Mein Interview mit dem Enkel des letzten Kaisers von Österreich-Ungarn und heutigen  Präsidenten der Paneuropa-Union Österreich, Karl von Habsburg  erschien in SUPERillu 32/2016. Foto: Uwe Tölle, SUPERillu. 

Als sein Großvater Karl I.  1916 den Thron bestieg, waren die heutigen Länder Österreich, Un­­garn, Kroatien, Slowenien, die Slowakei und Tschechien noch ein Land, k. u. k. Österreich-Ungarn, zu dem auch noch Teile des heutigen Polens, der Ukraine und Rumäniens gehörten. Der Enkel des letzten Kaisers und Königs von Österreich-Ungarn, Karl von Habsburg, 55, ist Me­­dienunternehmer, betreibt ei­­nige Radiosender in Mittel- und Osteuropa, ist daneben auch humanitär und politisch engagiert – unter anderem in der Paneuropa-Union. Diese wurde 1922 gegründet und hat sich auf die Fahnen geschrieben, das ­völkerverbindende Erbe der ­einstigen Länder von Öster­reich-Ungarn zu erhalten. SUPERillu-Politikchef Gerald Praschl sprach mit ihm über die Krise Europas.

Herr von Habsburg, ist die EU am Ende? Wie groß ist die Gefahr, dass die ­Europäische Union zerbricht? 
Ich hoffe, dass die politischen Akteure in dieser Krise klüger und besonnener agieren als das 1914 der Fall war. Die Kata­strophe von 1914 sollte Europa für immer eine Warnung sein. Wenn man sich die Volks­abstimmung zum ­Brexit ansieht, kann man zweifeln, ob diese Botschaft wirklich ­an­­gekommen ist. Bei der ­Stimmabgabe spielte für viele Wähler das Thema der Ab­­stimmung doch oft gar keine Rolle, da ging es um Gefühle statt um Fakten.

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EASTBlog – Deutschland- und Osteuropa-Blog des Journalisten Gerald Praschl